Kunstfehler ...und das im "besten aller Gesundheitssysteme" Das beste aller möglichen Gesundheitssysteme... oder? Der französische Aufklärer und satirische Schriftsteller Voltaire lässt seinen Helden Candide im gleichnamigen Roman in der ganzen Welt Abenteuer bestehen, wobei er eigentlich nur Konflikte, Kriege und Katastrophen kennen lernt. Sein Begleiter, der Philosoph Pangloss, beteuert dabei stets: „Dies ist die beste aller möglichen Welten.“ Worauf Candide kontert: „Wenn das die beste aller möglichen Welten ist, dann möchte ich erst die übrigen sehen!“ Irgendwie erinnert mich dies in fataler Weise an die gebetsmühlenartigen Wiederholungen unserer Gesundheitsministerin: „Wir haben das beste Gesundheitssystem weltweit.“ Worauf man geneigt ist zu antworten: „Wenn dies das beste aller möglichen Gesundheitssysteme ist, dann möchte ich erst die übrigen sehen!.“ Spaß beiseite! Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe den subjektiven Eindruck, dass die Versorgung der Patienten von Jahr zu Jahr schlechter wird. Schlechter heißt dabei nicht unbedingt weniger. Im Folgenden finden Sie einige Beispiele, wo sogar eine Überversorgung die schlechtere Versorgung sein kann. Während einige Patienten ein Zuviel an Diagnostik und Therapie erhalten, werden manchen Patienten notwendige Untersuchungen und Behandlungen vorenthalten.
Wenn von Kunstfehler n die Rede ist, dann denken wir gewöhnlich an vergessene OP-Klammern im Bauch nach einer Blinddarmoperation oder an die Entfernung des linken Lungenflügels, obwohl die rechte Lunge vom Krebs befallen war. Alles schon vorgekommen. Das ist hier aber nicht gemeint. In einem erweiterten Sinn kann man unter einem Kunstfehler auch eine fehlerhafte Diagnostik oder Therapie verstehen, die dem Menschen oder der Krankheit in der speziellen Situation nicht angemessen ist. Ein Kunstfehler kann dann sogar vorliegen, wenn völlig leitlinienkonform, aber eben nicht patientenkonform gehandelt wurde. Kunstfehler: Eingeklemmter Nerv – viel Diagnostik, aber keine Therapie Neulich
kam Herr Rainer Schröder (Name geändert) in unsere Klinik. Er klagte über
Beschwerden im Nacken. Beim morgendlichen Erwachen war der Hals oft steif und
schmerzhaft. Bestimmte Bewegungen führten zu einer Verstärkung der Schmerzen,
die mitunter auch in den rechten Arm ausstrahlten. Er war natürlich vorher
ambulant orthopädisch und neurologisch ausgiebigst durchuntersucht worden. So
hatte er unter anderem CT (Computertomographie), MRT (Magnetrsesonanztomographie)
und selbstverständlich auch das ordinäre
Kunstfehler - wenn ein Zuviel schlichtweg zu wenig ist.... Und genau das bezeichne ich bereits als Kunstfehler. Unsere Altvorderen prägten den Grundsatz: „Keine Diagnostik ohne therapeutische Konsequenz!“ Dies ist nicht etwa ein Ausdruck übertriebener Sparsamkeit, sondern ein ehrfürchtiges Verbeugen vor dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Wenn ich eine diagnostische Maßnahme durchführe, dann sollte ich damit eine gezielte Frage beantworten können, die dann auch eine Konsequenz zeitigt. Ansonsten betreibt der Diagnostiker ein l’art pour l’art, welches nicht nur nicht dem Patienten nützt, sondern ihm im Ernstfall sogar schadet. Das hippokratische Prinzip des „primum nil nocere“ (in erster Linie möge dem Patienten nicht geschadet werden) wird so ad absurdum geführt. Nebenbei sind solche diagnostische Schrotschüsse nicht gerade Kosten dämpfend. Damit sei überhaupt nichts gegen eine sinnvolle Diagnostik gesagt, aber die alte Erfahrung, dass 90 % der Diagnosen über eine genaue Anamnese und Untersuchung gestellt werden können, trifft prinzipiell auch heute noch zu. Die Diagnostik dient in den meisten Fällen dann nur der Absicherung. Im vorliegenden Fall haben sämtliche diagnostische Maßnahmen zwar dazu gedient, dass der Arzt juristisch abgesichert ist („wir haben doch alles getan, was möglich ist“), dass der Patient von der Medizintechnik beeindruckt ist (die CT-Bilder aus dem Inneren des Körpers sind schon eindrucksvoll) und das die Geräte besser ausgenutzt worden (was zu einer schnelleren Amortisation führt). Für eine rationale (vernünftige) Therapiesteuerung hätte man all diese Verfahren nicht benötigt – und wurden dafür auch gar nicht genutzt, denn es wurden gar keine Therapieempfehlungen ausgesprochen. Der
Patient erhielt in der Habichtswaldklinik ein aufeinander abgestimmtes
Therapieprogramm, welches krankengymnastische Maßnahmen (zuerst Stabilisierung
der Halswirbelsäule und Entlastung der Nervenwurzel, später Stärkung der
Halsmuskulatur mit gezieltem isometrischem Training), schmerzlindernde Wasser-
und Wärmeanwendungen, Akupunktur und
Kunstfehler: Diagnostik bei Blähungen – meist nichts als heiße Luft Frau
Patricia Lehnen wurde seit Jahren von starken
In
diesem bedauernswerten Fall finde ich sogar mehrere Kunstfehler. Erstens gibt es
keine Diagnose, die ich mit einer Darmspiegelung erstellen kann und die zu
In
unserer naturheilkundlichen Ambulanz wurde eine subtile Stuhldiagnostik (was
diese beinhaltet, siehe
Was
führt aber zu dieser Fettverdauungsstörung, wenn doch bereits in der
Stuhluntersuchung zahlreiche Ursachen sicher ausgeschlossen werden konnten? Die
Konstellation der Fette und der
Diese
sind durch eigene Beobachtung nur schwer nachzuweisen. Wenn ich eine Erdbeere
esse und nach wenigen Minuten die Zunge anschwillt, dann komme ich sehr rasch
darauf, dass ich
Erdbeeren nicht vertrage. Wenn nach
Einnahme eines Lebensmittels, welches ich fast täglich verzehre wie etwa
Milchprodukte, Weizen oder Eier nach zwei Tagen im Darm Gase entstehen, dann
kann ich kaum einen ursächlichen Zusammenhang zu den beteiligten Lebensmitteln
herstellen. Hier hilft nur eine subtile Testung und die richtige Interpretation
der Ergebnisse weiter (siehe auch:
Kunstfehler: zahlreiche diagnostische Pfeile auf das Herz abgeschossen – aber Ziel dennoch verfehlt
Friedrich Zander ist ein erfolgreicher Manager. Stress, viele Überstunden und
häufige Reisen sind sein tägliches Brot. Als er plötzlich Brustschmerzen mit
Ausstrahlung in den Rücken angab, klingelten all seine Alarmglocken. Dass er
aufgrund seiner Lebensweise für einen Herzinfarkt prädestiniert war und dass
dieser Brustschmerz das erste Anzeichen hierfür sein konnte, wusste er schon. Er
begab sich also umgehend in die Notaufnahme einer Universitätsklinik. Dort
begann sich sofort die diagnostische Mühle zu drehen. Das EKG war zwar
unauffällig. Auch die Herzenzyme im Blut befanden sich im Normbereich, so dass
ein akuter Herzinfarkt ausgeschlossen werden konnte. Zur Sicherheit sollte der
Patient aber einige Tage im Krankenhaus verbleiben, um noch einige diagnostische
Maßnahmen durchzuführen. Das Belastungs-EKG (Herr Zander trat sehr gute 250 W
ohne Brustschmerzen oder EKG-Veränderungen) wies keine Hinweise auf eine
Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße auf. Die Langzeit-Blutdruckmessung über
24 Stunden ergab leicht
erhöhten Blutdruck. Die
Herzultraschalluntersuchung ergab ein normal großes Herz ohne Bewegungsstörungen
der Herzwände oder –klappen. Das Langzeit-EKG zeigte nur vereinzelte
ventrikuläre Extrasystolen –also harmlose
Bis dahin lasse ich mir noch alles gefallen. Ein solcher kardiologischer Check up kann bei diesem Risikopatienten durchaus sinnvoll sein und stellt noch keine Überdiagnostik dar. Problematisch wurde es dann, als man Herrn Zander auch die unabdingbare Notwendigkeit einer Koronarangiographie klarmachte. Man legte ihm also einen Herzkatheter ans Herz, was er auch mit sich geschehen ließ. Hier hört der Spaß dann aber wirklich auf, denn hierfür gab es nun wirklich keine Indikation mehr. Die Rate schwerwiegender Komplikationen liegt bei dieser Untersuchung bei etwa einem Prozent, so dass sie gut überlegt sein will. Wenn die Wahrscheinlichkeit, dass ein pathologischer Befund herauskommt, hoch ist, dann ist das Eingehen dieses Risikos durchaus gerechtfertigt. Das war aber hier überhaupt nicht gegeben. Dies hielt die Kardiologen der Klinik aber nicht von ihrem Tun ab. Deutsche Kardiologen legen etwa doppelt so viele Herzkatheter wie ihre europäischen Kollegen. Während im europäischen Ausland bei 60 % der Herzkatheder auch ein pathologischer Befund erhoben wird, ist dies in Deutschland nur bei etwa 30 % der Fall – 70 % der Untersuchungen ergeben bei nicht geringem Risiko also einen völligen Normalbefund (Kritiker spötteln über die Katheteromanie der deutschen Kardiologie). Herr Zander fand das allerdings gar nicht so lustig. Denn neben dem zu erwartenden (erfreulichen) Normalbefund der Herzkranzgefäße behielt er einen riesigen (und weniger erfreulichen) Bluterguss am Oberschenkel zurück (in die Oberschenkelarterie wird der Katheterschlauch eingeführt). So kam er immerhin in den Genuss einer stationären Rehabilitation in der Habichtswaldklinik – nicht wegen einer koronaren Herzkrankheit, sondern wegen eines Blutergusses, der ihm im Rahmen einer überflüssigen Diagnostik zugefügt worden war.
Bei uns angekommen, fragte ich ihn, wobei der Brustschmerz denn überhaupt zuerst aufgetreten sei (merkwürdigerweise hatte ihn bisher niemand danach gefragt). Er schilderte eine Drehbewegung der Brustwirbelsäule als Auslöser der ersten Beschwerden. Ich tastete daraufhin seinen Rücken ab. Als ich einen bestimmten Bereich links neben der oberen Brustwirbelsäule drückte, stöhnte Herr Zander auf. Ja, dies sei genau der Schmerz gewesen, der bis in die Brust reichte und seine Selbsteinweisung in die Notaufnahme veranlasst hatte. Damit stand fest, dass die Beschwerden orthopädischer und nicht kardiologischer Natur gewesen waren. Sämtliche Herzuntersuchungen waren überflüssig gewesen, die invasive Katheteruntersuchung sogar schädlich! Mit einigen neuraltherapeutischen Injektionen in die schmerzhafte Muskulatur, wärmenden und entspannenden Moorpackungen der Brustwirbelsäule sowie einer auf die individuellen Beschwerden angepassten Krankengymnastik war dem Spuk rasch ein Ende bereitet. Morbus assecurantia privata – ein bisher unbekanntes Krankheitsbild Diese irgendwo bedauernswerten Patienten einigt nicht nur der Umstand, dass Sie sich einer kunstfehler haften Diagnostik und in der Folge einer falschen bzw. gar keiner Therapie aussetzen mussten. Nein, sie weisen auch noch eine gemeinsame Krankheit auf, von der immerhin knapp zehn Prozent der deutschen Bevölkerung befallen sind. Sie leiden nämlich am Morbus assecurantia privata. Wenn Sie von dieser Krankheit noch nichts gehört haben, dann brauchen Sie sich keineswegs zu schämen. Sie befindet sich in keinem medizinischen Lehrbuch, da ich sie selbst erst vor kurzem entdeckt habe. Da lateinische Krankheitsbezeichnungen mittlerweile etwas aus der Mode geraten sind, hätte ich eigentlich einen englischen Namen wählen müssen, z.B. Private insurance syndrome, besser noch abgekürzt PIS. Auf gut Deutsch: Die Patienten litten an dem Umstand, dass sie privat krankenversichert waren. Kunstfehler: viel hilft nicht immer viel und weniger kann oft mehr sein Dies ist ja erstmal nichts schlimmes, denn es verheißt in Zeiten eines rationierten Kassensystems (und das ist bereits entgegen allen gesundheitspolitischen Beteuerungen längst der Fall) doch immer noch eine optimale medizinische Versorgung. Genauer gesagt handelt es sich jedoch eher um eine maximale Versorgung. Viel hilft aber nicht immer viel und weniger kann manchmal mehr sein. Eine optimale Medizin ist in der Tat diejenige, die dem Menschen, seinen Beschwerden und den möglichen therapeutischen Konsequenzen angepasst diejenigen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen ermöglicht, die ihm möglichst zuverlässig, rasch und sicher – also mit wenigen Nebenwirkungen – eine Heilung oder zumindest Linderung seiner Beschwerden offeriert. Beim Kassenpatienten kommt allerdings noch der im Sozialversicherungsbuch vorgeschriebene Aspekt der Wirtschaftlichkeit hinzu – das Ganze darf also nicht allzu viel kosten. Wenn der Kassenarzt zuviel Diagnostik veranlasst oder zu teure Medikamente verschreibt, dann kann die Kasse sich dies bei ihm über den so genannten Regress wiederholen. Verstehen Sie jetzt, warum die Kassenärzte so zurückhaltend geworden sind, wer will es ihnen auch verdenken? Kunstfehler: darf's ein bisschen mehr sein? Beim Privatpatienten schaut dies ganz anders aus. Hier gibt es (noch) keine Beschränkungen. Ärzte und Kliniken können hier also ein wenig großzügiger sein. Sie werden für Ihre Bemühungen dann auch nicht bestraft, sondern sogar finanziell belohnt. Und schon wird verständlich, warum der Arzt beim Patienten diagnostisch gern in bester Fleischerfachverkäuferinmanier freundlich anbietet: „Darf’s denn auch ein bisschen mehr sein?“ Die oben geschilderten Beispiele sind die Spitzen eines Eisberges, der meiner Erfahrung nach immer größer wird. Natürlich gibt es auch immer noch Krankheitsverläufe, bei denen alles richtig gemacht wird. Natürlich sollten Sie weiterhin auch Vertrauen in den Arzt Ihrer Wahl haben. Sie dürfen diagnostische und therapeutische Vorschläge aber durchaus kritisch hinterfragen. Der Arzt, der sich seiner Sache sicher ist und nach bestem Wissen und Gewissen handelt, wird keine Probleme damit haben, seinen Patienten vernünftig von den sinnvollen Maßnahmen zu überzeugen.
Kehren wir zum guten, alten Voltaire zurück, von dem das Zitat stammt: „Es gibt nur kluge Menschen. Manche sind eben vorher klug und andere nachher.“ In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Sie immer zur ersten Gruppe gehören mögen. Wenn es um medizinische Entscheidungen geht (egal ob um die Verordnung eines Kamillentees oder die Durchführung einer Herzoperation): Denken Sie mit, entscheiden Sie mit und handeln Sie mit!
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten stehe ich Ihnen im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in der naturkundlichen Privatambulanz. Alle notwendigen Laboruntersuchungen können in der Inneren Abteilung der Habichtswaldklinik oder der Naturheilkundlichen Privatambulanz durchgeführt werden.
Informationen über das Therapieangebot der Inneren Abteilung:
Die
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